3 Recherche-Momente, die mein True-Crime-Buch nicht erzählt
Von Akten am Flughafen, zwei wichtigen Zeugen und einem Schatten
1. Mit 15 Kilo Gerichtsakten durch die Sicherheitskontrolle
Wenn man sie zwischen elf Kilo Klamotten versteckt, passen rund 4000 Seiten Gerichtsakten in einen mittelgroßen Koffer und einen Rucksack.
Ich weiß das, weil ich es ausprobiert habe – am Flughafen von Panama City, auf dem Weg nach Deutschland. Die zweite Vor-Ort-Recherche in Boquete lag hinter mir.
Den Koffer hatte ich extra dafür gekauft. Die Hälfte der Akten rein, die andere Hälfte in den Rucksack. Dann Klamotten drum herum. Koffer abgeben war kein Problem, Sorgen machte ich mir wegen der Sicherheitskontrolle.
Was, wenn sie so viel Papier irgendwie seltsam finden? Was, wenn jemand die Seiten durchblättert und sieht, worum es geht? Ein Vermisstenfall, den die Regierung lieber als Unfall verbuchen würde, obwohl jeder (!) weiß, dass es ein Verbrechen war.
Die gesamte Recherche über hatte ich mich als harmlose Reisebloggerin ausgegeben. Gegen Ende hatte diese Maskerade gebröckelt. Immer öfter war ich auf der Straße angesprochen worden: Bist du die Journalistin?
Die Pressemitteilung über unsere Arbeit ging versehentlich zu früh raus – theoretisch hätte also die ganze Welt schon wissen können, dass ich nicht wegen der Strände hier war.
Ich stellte den Rucksack aufs Band, ging durch den Scanner. Herzrasen. Niemand sagte etwas. Der Koffer kam durch, der Rucksack kam durch, ich kam durch.
Erleichterung. Und gleichzeitig der Gedanke: Fast 4000 Seiten über zwei tote Frauen flutschen einfach so durch eine Kontrolle, als wären sie nichts. Unheimlich.
2. Das Interview mit zwei der wichtigsten Zeugen
Zwei Frauen verschwinden im panamaischen Regenwald, spurlos. Erst zehn Wochen später taucht ihr Rucksack auf, mitten in der Wildnis. Ein indigenes Paar findet ihn zwischen Steinen und Baumstämmen am Fluss.
Ich durfte die beiden, Irma und Luis, interviewen. Eine große Sache, denn erstens hatten sie vorher mit fast niemandem darüber gesprochen, zweitens leben sie 30 Kilometer tief im Wald und kommen nur selten ins Dorf.
Natürlich fragte ich nach dem Zustand des Rucksacks. Irma, in ihrer knallgelben Tracht, antwortete ruhig, ohne Aufregung: Die Schnallen waren geschlossen.
Ich stutzte. Der Rucksack lag angeblich zehn Wochen im Fluss, wurde kilometerweit durch einen Fluss voller Felsen getrieben. Und die Schnallen waren noch zu? In den Polizeiakten steht davon nichts.
Solche Details erzählten mir die beiden, Dinge, die sie den Behörden entweder nicht gesagt haben oder die nicht protokolliert wurden.
Das Treffen war ein riesiger Gewinn für Christians und mein Buch. Und trotzdem haben wir ihm kein eigenes Logbuch (so betiteln wir die persönlichen Berichte von mir aus Panama) gewidmet.
Warum? Weil wir an vielen verschiedenen Stellen auf die Aussagen von Irma und Luis Bezug nehmen, sie zitieren, um Zusammenhänge zu erklären. Da wäre die genaue Darstellung des Gesprächs schlichtweg eine Dopplung. Den Text habe ich zwar geschrieben, aber schweren Herzens haben wir ihn dann nicht verwendet. Vielleicht lade ich ihn irgendwann hier hoch.
3. Die Angst vor dem Angriff
Es war mitten in der Nacht, etwa 1:30 Uhr, ich war versunken in die Gerichtsakten, studierte gerade die Fotos der gefundenen Knochen. Da bemerkte ich eine Bewegung im Augenwinkel, mein Blick schoss zum Fenster. Ein menschenförmiger Schatten war in dem hellen Rechteck, meinem Fenster zu sehen.
Wichtig zu wissen: Mein Fenster bestand nicht aus einer Glasscheibe, sondern aus beweglichen Milchglas-Lamellen, ich konnte also nicht nach draußen gucken:
Bei mir drin war es recht dunkel, ich hatte nur die Schreibtischlampe an, draußen an der Straße stand jedoch eine Laterne. Darum waren die Umrisse überdeutlich zu erkennen. Dunkel und unheimlich stand also jemand vor meinem Fenster, lief ab und zu ein wenig hin und her, blieb dann wieder ruhig.
Mein Herz blieb kurz stehen, bevor es anfing, gegen meinen Brustkorb zu schmettern, ich traute mich kaum zu atmen. Vorsichtig griff ich zum Handy, rief Christian an, flüsterte ihm zu, was hier los war. Zusammen beobachteten wir den Schatten vor dem Fenster, er als mein Halt, mein Zeuge.
Um es kurz zu machen, denn wie ihr seht, hat der Schatten mich nicht verschluckt: Die Situation ist mir danach noch einige Male passiert. Nach Momenten der Angst erkannte ich die Schatten und möglichen Angreifer als das, was sie waren: Leute, die sich unter meinem Vordach vor dem Regen schützten, Straßenhunde, die ihren Po an meiner Hauswand kratzten, Äste, die der Sturm von den Bäumen riss und auf mein Dach schleuderte.
Paranoia hat einen Verstärker: das, womit man sich beschäftigt. Wenn ich gerade mit der Katze kuschelte oder mit meiner Nachbarin Wein trank, war ein Schatten am Fenster ein Schatten. Wenn ich nachts Knochenfotos studierte und Theorien darüber entwarf, wer zwei Frauen im Dschungel getötet haben könnte, war derselbe Schatten ein Angreifer.
Keine Angriffe in meinem Fall, zum Glück. Und trotzdem bescheren mir diese Momente immer noch eine Gänsehaut, wenn ich zurückdenke. Der Fall ist heikel. Wichtige Leute sind involviert, die ein Interesse daran haben, dass er unaufgeklärt bleibt.
Die echten Angriffe erreichen mich erst seit der Veröffentlichung des Buches, und zwar digital statt physisch. Aber davon erzähle ich euch ein anderes Mal.
Du willst wissen, um welchen Vermisstenfall es überhaupt geht?
Dann hör dir am besten unsere vier Folgen beim größten deutschen True-Crime-Podcast an: Wahre Verbrechen


