Was Panama mit mir gemacht hat
Und was es bedeutet, monatelang mit dem Tod anderer Menschen zu arbeiten
Am Schreibtisch, Mitternacht. Vor mir liegen fünf Stapel Akten – fast 3000 Seiten, 15 Kilo Papier. Darin sind Zeugenbefragungen, Suchprotokolle, forensische Gutachten. Aber auch Fotos, die erst nach Sekunden in mein Gehirn dringen, die ich nie wieder vergessen werde. Seiten voller Knochen, Hautteile, Undefinierbares – ich sehe mir alles an, auch wenn’s wehtut, auch wenn sie den Kloß in meinem Hals unerträglich machen, auch wenn ich deshalb heute auf keinen Fall schlafen werde.
Wenn mein Blick dann umschwenkt zur Banalität des alltäglichen Lebens – der kalte Kaffee neben den Akten auf dem Tisch, mein Haargummi, solche Dinge –, dann brauche ich eine Weile, um diese Kluft zu erfassen. Das hier ist nicht einfach nur Papier, kein Roman, keine Geschichte weit weg von mir. Das hier dokumentiert den Tod zweier echter Menschen, die genau hier ihre letzten Tage erlebt haben.
Keine Story, sondern Wahrheit
Dieser Gedanke reißt mich immer wieder aus der Arbeit heraus: Das hier ist keine Geschichte. (Nicht mehr, denn ehrlich gesagt fühlte es sich zu Beginn meiner Recherche ein wenig so an, in der Zeit, bevor ich nach Panama kam und nur andere Berichterstattungen wie Podcasts und Youtube-Videos hörte/sah, aber noch keine eigenen Erkenntnisse gewonnen hatte.)
Kris und Lisanne waren Anfang zwanzig, sie waren in Lateinamerika unterwegs – genau wie ich damals auch. Bei mir war es der Dschungel von Ecuador, in den ich allein reiste. Sie waren wie ich, ich bin wie sie. Dieser Satz klingt banal, aber er hat sich für mich wie ein Schlag in die Magengrube angefühlt. Die Identifikation mit dem Fall war vorher ein Gedanke, mit dem Eintauchen in die Akten wurde sie ein körperliches Gefühl.
Zu viel Empathie tut nichts Gutes
Wie schafft man es, monatelang mit dem Leid anderer Menschen zu arbeiten und dabei klar im Kopf zu bleiben?
In der Philosophie wurde schon viel darüber diskutiert, wie man mit Empathie und Mitgefühl richtig umgehen kann. Ich erinnere mich an einige Seminare dazu während meines Studiums. Und ein wichtiger Impuls daraus (obwohl das 20 Jahre her ist) ist mir im Kopf geblieben und hat mir darum sehr geholfen:
Es hat keinen Nutzen für niemanden, wenn man unreguliert Empathie empfindet. Zu starkes Mitgefühl kann es unmöglich machen, dieses Mitgefühl für etwas Sinnvolles zu nutzen, nämlich Beistand und Unterstützung. Wer sich bei Kranken ansteckt, leidet zwar mit, kann sie aber nicht mehr gesund pflegen – so lautete damals ein Bild, das ich als Philo-Studentin las. Wer jemanden vor Verzweiflung weinen sieht und dann selbst verzweifelt, hat nicht die nötige Energie, um den anderen aufzubauen.
Darum ist es wichtig zu differenzieren zwischen der eigenen und der anderen Person. Ich bin nicht Kris und Lisanne. Ich fühle mit, aber ich leide nicht mit.
So zumindest hab ich es mir selbst gesagt und versucht. Oft genug lag ich trotzdem abends heulend im Bett oder stand wie gelähmt auf dem Berggipfel vor dem Gedenkkreuz. Diese Abgrenzung ist einfach sehr schwer.
Trotzdem: Im Großen und Ganzen hat mich diese Philosophie-Lektion durch die Recherche gebracht.
Undercover im eigenen Leben
Ich habe undercover recherchiert, was bedeutete, dass ich mit niemandem über meine Arbeit und meine Gefühle sprechen durfte. Beim Crossfit in der Sportgruppe, beim Weintrinken mit Nachbarn, in all den gewöhnlichen Momenten des Alltags habe ich eine Fassade aufrechterhalten, die mit dem, was in mir vorging, manchmal sehr wenig zu tun hatte.
Das hat mich ziemlich erschöpft. Mein ganzes Leben lang schon habe ich sehr wilde Träume. In den fünf Monaten in Boquete glich mein Schlaf eher einem Koma.
Außerdem hatte ich ein schlechtes Gewissen den anderen gegenüber, weil ich ihnen in gewisser Weise die ganze Zeit etwas vorspielte. Ich spielte die Reisebloggerin, die in dem kleinen hübschen Bergdorf eben hängengeblieben war, während ich in Wahrheit mit Kriminalpolizisten sprach und Anwälte traf. Übel genommen hat es mir im Nachhinein zum Glück niemand.
Was man eigentlich nicht sehen sollte
Das Innere anderer Menschen ist normalerweise nicht sichtbar. Es ist nicht natürlich, es zu sehen. Jeder entscheidet selbst, wie weit er sich öffnet. Das meine ich natürlich bezogen auf die Psyche, die Seele oder wie auch immer man es nennen mag.
Aber es hat auch Gründe, warum wir Kleidung tragen und unseren Körper verstecken. Natürlich ist das nicht ganz vergleichbar, aber ich empfinde es so: Die Knochen und Hautreste, die von den beiden Frauen gefunden wurden, sind etwas sehr Intimes. Ich habe mich gefühlt, als dürfte ich das nicht sehen, als müsste ich etwas darüberlegen, es bedecken, um es zu schützen.
Genauso die Tagebucheinträge. Ich schreibe selbst Tagebuch und wünsche mir, dass sie niemals jemand liest. Für die richtige Einordnung der Dinge musste ich jedoch die fotografierten Tagebücher von Lisanne und Kris lesen. Kein Weg führte daran vorbei.
Ich habe alles angesehen, weil es meine Arbeit war und weil ich der Meinung bin (immer noch), ich schulde den beiden diese Zeugenschaft. Wenn ich nach Spuren suche, wenn ich mich dem Fall widme, dann voll und ganz – was im Übrigen auch bedeutet, mit allem Respekt. Auch aus diesem Grund haben wir keine Fotos der Knochen und Tagebucheinträge in unser Buch aufgenommen.
Was ich gelernt habe
Mein Leben lässt sich in „vor Panama“ und „nach Panama“ enteilen. Ich bin nicht mehr die Gleiche. Sensibel war ich schon immer. Aber nun ertrage ich Ungerechtigkeit noch schlechter als früher, und Lügen auch.
Die Recherche hat mich gelehrt, dass unter der Oberfläche solcher Dinge viel, ich meine viel viel viel mehr liegt, als wir uns vorstellen können. Sie hat verändert, wie ich über die Welt, über mächtige Leute und Institutionen denke, was ich ihnen zutraue.
Und das hat natürlich auch verändert, wie ich mich selbst in der Welt bewege. Ich bin misstrauischer und vorsichtiger geworden. Das heißt nicht, dass ich nun immer schwarzsehe oder nicht mehr reise. Aber ich habe meine Blauäugigkeit, die mir die Welt vorher ziemlich bunt und easy gemacht hat, ein Stück weit abgelegt.
Ich wähle sorgfältig aus, mit was ich mich beschäftige. Leser weisen mich immer wieder auf andere Fälle hin, schlagen vor, dass ich dort und dort recherchieren könnte. Panama ist jetzt fast zwei Jahre her. Und erst seit einer kurzen Weile kann ich mir einen neuen Fall überhaupt vorstellen. Vorher war das nicht möglich, Panama war einfach noch zu sehr und zu schmerzhaft in mir drin.
Mal sehen, ob ich hier irgendwann über einen weiteren Cold Case berichte. Wie beim letzten Mal vertraue ich darauf, dass er mich finden wird, nicht andersherum. Und bis es so weit ist, verarbeite ich meine Erlebnisse im Schreiben.
Danke, dass du mich dabei begleitest.
Lies diesen Artikel von mir, um dir ein Bild davon zu machen, um welche Recherche es überhaupt geht:
Zwei verschwundene Frauen, ein Wald, ein Kreuz – und ich, neun Jahre später



Ich habe jetzt gerade diesen einen Artikel von dir gelesen, kenne dich und die Hintergründe nicht. Aber die Art, wie du schreibst, berührt mich. Auch wenn mein Recherchestoff ganz anders und viel weniger belastend ist als deiner, die Haltung fühlt sich sehr vertraut an, die Zeugenschaft und die Art, wie Geschichten einen finden. Respekt, dass du die Aufgabe angenommen hast. Ich bin so gespannt auf mehr Texte von dir
Puuuh dieser Satz: "Ich schulde den beiden diese Zeugenschaft."
Da musste ich kurz aufhören zu lesen, weil das genau der Unterschied ist zwischen Journalismus als Handwerk und Journalismus als Haltung.
Das eine produziert Inhalte. Das andere trägt etwas, auch wenn es schwer wird, niemand zuschaut und man abends heulend im Bett liegt.
Was du beschreibst mit der regulierten Empathie - diese schmale Linie zwischen "ich fühle mit" und "ich leide mit" - ist eine brutal schwere Lebensaufgabe.
Nicht nur für Recherche, sondern für alles, was mit echten Menschen zu tun hat.
Danke, dass du das nicht glattgebügelt hast und du geschrieben hast, wie schwer diese Abgrenzung war, obwohl du sie theoretisch verstanden hattest.
Ich finde es so stark wie du eine eigenen Erkenntnisse in deine Arbeit als investigative Journalistin einbettest und werde dich auf jeden Fall weiterlesen.
Bin schon sehr gespannt auf den nächsten Artikel.