Das harmlose Mädel
Und wie es mir bei meiner Recherche half
Ich sitze im verrauchten Wohnzimmer eines Mannes, in seinem Haus 15 Minuten außerhalb der kleinen panamaischen Stadt. Er hat mich in seinem Auto hierhergebracht, denn er will im öffentlichen Raum nicht reden. Hunde bellen im Zwinger vor der Tür. Der Computer vor uns spendet das einzige Licht. Ich fühle mich unwohl, ausgeliefert.
Aber: Er hat geheime Informationen, die ich brauche, und er hat eine auf Unwahrheiten basierende Meinung, die er als Wahrheit verkauft. Auch die brauche ich für meine Recherche.
Er darf darüber nicht sprechen, das verbietet ihm ein Vertrag mit einer Produktionsfirma, die den Podcast zweier US-amerikanischer Journalisten produziert.
Nun kann ich wählen:
Szenario 1: Ich gebe mich taff, selbstbewusst, mit klarem Ziel, mit klarer Meinung. Ich mache ihm klar, dass ich weiß, dass er lügt.
Szenario 2: Ich gebe mich harmlos, zurückhaltend, höre mehr zu als dass ich spreche, sage Aaaah und Ohhh, que impresionante, tu so, als würde ich ihm glauben.
Was denkst du: In welchem Szenario spricht er offen und in welchem hält er sich zurück?
Richtig.
Bitte nicht zu aufmüpfig
Ich spiele eine Rolle, die ich im Laufe meines Lebens perfektioniert habe: die harmlose Frau. Man könnte es sogar so nennen: das harmlose Mädel.
Im konkreten Fall der Panama-Recherche: Neugierig, aber ungefährlich. Interessiert, aber nicht investigativ. Eine Frau, die nette Texte schreibt, keine, die dreitausend Seiten Ermittlungsakten auswertet, unbequeme Fragen stellt und die Regierung kritisiert.
Die Strategie funktioniert. Er redet. Er sagt mir alles. Alles, was ihm sein Vertrag verbietet. Alles, was er mir in Szenario 1 nie sagen würde.
Ich habe gewonnen.
Eine schöne Heldinnengeschichte, oder? Vielleicht triumphierst du innerlich für mich.
Welche Gefühle die Pistole auf die Spitze trieb
Auch in mir hat etwas triumphiert. Ein winzig kleiner Teil. Der größere hat gefühlt: Erschöpfung, Kleinheit, Wut.
Erschöpfung, weil es mich anstrengt, eine Rolle zu spielen, die ich nicht spielen will.
Kleinheit, weil ich mich nicht ganz davon abgrenzen und mir meine Größe bewahren kann, wenn sich jemand über mich stellt, selbst wenn ich genau das herausgefordert habe.
Wut, weil solche Situationen mir allzu bekannt sind und mir zeigen, wie die Welt funktioniert.
Der winzige Anteil Triumph wurde außerdem gekillt, als der Mann noch eins draufsetzte:
Als ich ihn am Ende bitte, mich zurückzufahren, zieht er eine Pistole aus seinem Gürtel. Ich friere ein. Er lacht. Steckt sie wieder weg.
Als wäre ihm meine Harmlosigkeit noch nicht genug gewesen.
Harmlosigkeit als Werkzeug
Die “harmlose Frau” kennt jede Frau. Wir lernen sie alle, manche mehr, manche weniger. Ich persönlich habe sie lange zu meiner Identität gemacht. Mit einem schwierigen Vater war sie meine Überlebensstrategie.
Dabei erkannte ich sie nicht einmal. Ich dachte lange Zeit: Das ist meine Persönlichkeit. Ich bin so. Klein, harmlos, schwach, you name it.
Was viele Frauen ebenfalls wissen: Harmlosigkeit kann ein Werkzeug sein. Man setzt es ein, wenn man etwas erreichen will, das man auf direktem Weg nicht erreichen kann.
Wichtig: Das muss nicht immer etwas sein, das man haben will. Oft, sehr oft ist es etwas, das man vermeiden will: Streit, männliche Wut, Probleme.
Männer haben sie auch, aber sie brauchen sie seltener. Wer strukturell als kompetent, glaubwürdig und potenziell gefährlich wahrgenommen wird, bekommt das meiste in vielen Fällen ohne vorgespielte Harmlosigkeit.
Was kostet das Werkzeug der Harmlosigkeit?
Harmlosigkeit zu performen bedeutet, einen Teil der eigenen Kompetenz zu verbergen. Es bedeutet, zu lächeln, wenn man lieber widersprechen würde. Es bedeutet manchmal, dem Gegenüber das Gefühl zu geben, klüger zu sein, als er ist. Damit er redet, damit er einem gibt, was man braucht, oder damit er nicht tut, was man nicht will. Damit sein Ego nicht angekratzt wird.
Ich habe mich gefragt, ob Männer in der Recherche dasselbe tun. Was ich denke und beobachte, ist ein großer Unterschied: Sie tun es aus anderen Gründen.
Ein Mann, der sich harmlos stellt, spielt meistens ein Spiel. Eine Frau, die sich harmlos stellt, bedient eine gesellschaftliche Erwartung, die seit Jahrtausenden an sie gestellt wird.
Jahrhundertealte Korrekturen
Warum das so ist, ist kompliziert. Es ist eine riesige Ansammlung von Zurechtweisungen und ausgesprochenen oder unausgesprochenen Regeln.
Mädchen lernen früh, dass Direktheit, Entschlossenheit, zu große Kompetenz, ganz zu schweigen von Wut, unweiblich ist. Sie lernen das nicht, weil es eine Art Regelwerk dafür gibt, sondern durch tausend kleine „Korrekturen“, wenn sie aufwachsen. Und diese Korrekturen sind entstanden in einem System, das Männern mehr Raum zugesteht, mehr Gefühle, die mit Stärke assoziiert werden, und Frauen dagegen beibringt, diesen Raum und diese Gefühle zu managen.
Sei nett, sei nicht so laut, sei bescheiden, kümmere dich um andere, versetze dich in andere hinein, sei nicht so fordernd, sei nicht so empfindlich, übertreibe nicht. Die Liste ist lang.
Eine Illusion
Die Kleinheit und die Harmlosigkeit, die ich in dem Haus des Mannes in Panama als Werkzeug eingesetzt habe, habe ich mir nicht aus dem Ärmel geschüttelt wie eine Maske an Karneval. Sie wurde mir aufgedrängt, als ich zu jung war, um überhaupt zu erkennen, was da passierte.
Lange hat es gedauert, bis ich dahinterkam. Und nochmal länger, um zu verstehen und zu fühlen, dass diese Kleinheit nicht meine Persönlichkeit ist. Mein Selbstbild war lange falsch. Ich habe in einem langen Prozess meine innere und äußere Welt auf den Kopf gestellt, um diese Illusion abzulegen.
Für die Undercover-Recherche habe ich sie wieder mal herausgekramt und eingesetzt, um mein Ziel zu erreichen. Ich habe es nicht gern getan, aber es gab keinen anderen Weg. Zumindest nicht für mich.
Und deshalb fühlte es sich nie als Triumph an.



Ein sehr spannender Text. Was du getan hast, klingt für mich unglaublich mutig und taff 🫣
Ich verstehe auch die Bedenken, am Ende den Mann in seiner Sichtweise zu bestätigen, aber andererseits hast du bekommen, was du wolltest, und das wird dem System vielleicht mehr schaden als eine (von vielen) Bestätigungen, die er bekommt.
Ich weiß so gut was du meinst. Du findest starke Worte, um diese Prägungen zu entlarven. Gut wenn du es inzwischen als „Tool“ einsetzen kannst, und dementsprechend auch wieder ablegen. Aber ich bin ganz bei dir: wie ein Triumph kann sich das nie anfühlen.